Die (beinahe) wahre Geschichte des „Dinners“

Winterpalais_1910

Witwensitz der Gothaer Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg und Originalschauplatz des ursprünglichen „Dinners“: das Gothaer Winterpalais an der Ecke Friedrichstraße/Philosophenweg.

 

Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg, Vorbild für Miss Sophie.

Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg, Vorbild für Miss Sophie.

perthes

Der Verleger Johann Georg Justus Perthes, Vorbild für Sir Toby.

gadolla

Oberst Maximilian Franz Karl Ritter von Gadolla, Vorbild für Admiral von Schneider.

arnoldi

Kommerzienrat Ernst Wilhelm Arnoldi, Vorbild für Mister Pommeroy.

galletti

Professor Johann Georg August Galletti, Vorbild für Mister Winterbottom.

Das 2007 durch Zufall beim Teilabriss des Winterpalais gefundene Manuskript des Dieners Johann Georg Heintz.

 

„Dinner for One“ ist Kult. Seit 1972 begeistert der Silvesterklassiker mit Miss Sophie und ihrem Butler James alljährlich im Fernsehen ein Millionenpublikum. Umso erstaunlicher ist, dass die Entstehungsgeschichte des berühmtesten und meistgespielten Silvestersketches bislang kaum bekannt ist. Dank eines Zufallsfundes beim Abriss des Gothaer Winterpalais im Jahre 2007 konnte die Geschichte des „Dinners“ recherchiert werden. Und das Ergebnis der Forschungen wird selbst eingefleischte „Dinner“-Fans überraschen: Die Vorlage für den vermeintlich typisch englischen Sketch lieferte vor über 170 Jahren eine Gothaer Herzogin!

Wie die Aufzeichnungen eines Dieners belegen, pflegte die Herzoginwitwe Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg über viele Jahre ihre Geburtstage im Kreis ihrer vier engsten Freunde zu feiern. 1811 lud die Herzogin erstmals zum Geburtstagsessen in den Großen Salon ihres Winterpalais. Ihre Gäste waren allesamt prominente Gothaer: der Verleger Johann Georg Justus Perthes, Oberst Maximilian Franz Karl Ritter von Gadolla, der Unternehmer Kommerzienrat Ernst Wilhelm Arnoldi sowie der Gymnasialprofessor Johann Georg August Galletti.

Auch nach dem Tod ihrer Freunde (Perthes starb bereits 1816, ihm folgten 1828 Galletti und 1837 Gadolla) hielt die Herzoginwitwe an der liebgewonnenen Tradition des Geburtstagsessens fest, wobei ihr Diener Johann Georg Heintz (genannt Schluder) den Part der verstorbenen Gäste übernehmen musste. Das erste Geburtstagsessen ohne einen einzigen Gast fand schließlich nach dem Tod Arnoldis (der das seltsame Essen u.a. in seiner Biographie erwähnt ¹) im Jahre 1841 statt. Dieses Jahr kann somit als tatsächliches Geburtsjahr des „Dinners“ gelten.

Über Queen Victorias deutschen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Lieblingsenkel Herzogin Sophie Karoline Amalies und häufiger Gast im Winterpalais; u.a. besuchte er seine Großmutter zusammen mit Victoria im August 1845) kam die amüsante Anekdote in den 1840er-Jahren nach England, wo sie Prinz Albert oft und gern im Freundeskreis erzählte, wie man den Erinnerungen seines Privatsekretärs George Anson ² entnehmen kann. Der Gothaer Ursprung der Geschichte geriet jedoch nach Prinz Alberts frühem Tod gänzlich in Vergessenheit.

Das letzte einsame Geburtstagsessen ließ Herzogin Sophie Karoline Amalie im Juli 1869 von ihrem verlässlichen Diener Schluder ausrichten. Im Februar des darauffolgenden Jahres starb die letzte Vertreterin des Hauses Sachsen-Gotha-Altenburg in ihrem geliebten Winterpalais. Sowohl die einst im Volk beliebte Herzoginwitwe als auch die Erinnerung an ihr seltsames Geburtstagsritual fielen in Gotha binnen weniger Jahrzehnte völlig dem Vergessen anheim.

Erst in den 1920er-Jahren entdeckte der britische Theaterautor Morris Laurence Samuelson (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lauri Wylie) in den Erinnerungen George Ansons die unterhaltsame Anekdote vom seltsamen Geburtstagsritual Herzogin Sophie Karoline Amalies, wie sie Albert bei seinem Gotha-Besuch im Jahre 1845 von ihrem Diener erfahren und weitererzählt hatte.

Wylie arbeitete die Grundidee eines Geburtstagsessens mit vier längst Verstorbenen zu einem Sketch um, den er mit Rücksicht auf das britische Königshaus (das infolge des Ersten Weltkriegs 1917 seinen auf Albert zurückgehenden Namen Saxe-Coburg and Gotha in Windsor geändert hatte und mit der deutschen Verwandschaft nichts mehr zu tun haben wollte) auf einem englischen Landsitz ansiedelte.

Aus der seinerzeit beileibe noch nicht so alten Gothaer Herzogin Sophie wurde bei ihm die 90-jährige Miss Sophie und aus ihrem Diener Schluder der Butler James. Herr Perthes wurde zu Sir Toby, Ritter von Gadolla zu Admiral von Schneider, Kommerzienrat Arnoldi zu Mister Pommeroy und Professor Galletti zu Mister Winterbottom. Auch die im Winterpalais aufgetischten typisch thüringischen Gerichte und Getränke passte Wylie für seinen Sketch englischen Gepflogenheiten an. Und aus dem im Großen Salon des Palais ausliegenden Eisbärfell wurde kurzerhand ein Tigerfell.

Nicht zuletzt machte der findige Theaterautor aus dem ritualisierten, vor jeder Trinkrunde wiederkehrenden Frage-Antwort-Spiel zwischen Diener und Herzogin („Alles genausu wie voors Jahr, Herzoochin Sophie?“ – „Alles genauso wie jedes Jahr, Schluder!“) die heute beinahe schon sprichwörtlichen Sätze „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ – „The same procedure as every year, James!“

Der Rest ist Geschichte …

Als 2007 der alte Dienerflügel des Gothaer Winterpalais abgerissen wurde, fanden sich im Schutt die sorgfältig gebundenen Aufzeichnungen des Dieners der Herzogin ³. Sechs Jahrzehnte lang hatte Johann Georg Heintz alias Schluder seine Erlebnisse im Dienst Herzogin Sophie Karoline Amalies festgehalten. Seine direkte, ungeschönte Ausdrucksweise und sein einfacher, aber amüsanter Stil machen seine „Denk- und Merkwürdigkeiten“ zu einem einmaligen zeitgeschichtlichen Zeugnis. Vor allem aber konnten dank seiner Erinnerungen die Entstehungsgeschichte des „Dinners“ recherchiert und die Urfassung des seltsamen Geburtstagsessens – das ursprünglich nicht mehr und nicht weniger als ein echt goth’sches „Geburtstagsessens für Eine“ war – rekonstruiert werden.

Silvester 2009 feierte die originale, goth’sche Fassung des Sketchklassikers ihre ausverkaufte und umjubelte Bühnenpremiere in der Residenzstadt. Bis 2017 wurde das „Dinner auf Goth’sch“ alljährlich zum Jahreswechsel im Gothaer Kulturhaus vor bis zu 1.600 Zuschauern aufgeführt und war damit die größte „Dinner“-Veranstaltung Deutschlands.

Im 2011 erschienenen Buch „Dinner for One auf Goth’sch“ wird die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als beinahe die Wahrheit über das „Dinner“ erzählt.

 

¹ Ernst Wilhelm Arnoldi: Selbstbiographie, Gotha 1840.

² George Anson: My years as Private Secretary of His Royal Highness The Prince Consort, London 1850.

³ Johann Georg Heintz: Denk- und Merkwürdiges aus meinem Leben im Dienste Ihrer Hoheit der Durchlauchtigsten Frau Sophie Caroline Amalie, Herzogin v. Sachsen-Gotha-Altenburg, Gotha 1871 (unveröffentlichtes Manuskript).