Die (beinahe) wahre Geschichte des „Dinners“

Winterpalais_1910

Witwensitz der Gothaer Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg und Originalschauplatz des ursprünglichen „Dinners“: das Gothaer Winterpalais an der Ecke Friedrichstraße/Philosophenweg.

Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg, Vorbild für Miss Sophie.

Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg, Vorbild für Miss Sophie.

perthes

Der Verleger Johann Georg Justus Perthes, Vorbild für Sir Toby.

gadolla

Oberst Maximilian Franz Karl Ritter von Gadolla, Vorbild für Admiral von Schneider.

arnoldi

Kommerzienrat Ernst Wilhelm Arnoldi, Vorbild für Mister Pommeroy.

galletti

Professor Johann Georg August Galletti, Vorbild für Mister Winterbottom.

 

„Dinner for One“ ist Kult. Seit mittlerweile 45 Jahren begeistert der Silvesterklassiker um Miss Sophie und ihren Butler James alljährlich ein Millionenpublikum. Umso erstaunlicher ist, dass die Entstehungsgeschichte des berühmtesten und meistgespielten Silvestersketches bislang kaum bekannt ist.

Dank eines Zufallsfundes beim Teilabriss des Gothaer Winterpalais im Jahre 2007 konnte erstmals die bislang unbekannte Geschichte des „Dinners“ recherchiert werden. Und das Ergebnis der Forschungen wird selbst eingefleischte „Dinner“-Fans überraschen: Die Vorlage für den vermeintlich typisch englischen Sketch lieferte vor rund 170 Jahren eine Gothaer Herzogin!

Wie die Aufzeichnungen eines Dieners belegen, pflegte die Herzoginwitwe Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg (1776–1870) über viele Jahre ihre Geburtstage im Kreis ihrer vier engsten Freunde zu feiern. 1811 lud die Herzogin erstmals zum Geburtstagsessen in ihr Winterpalais. Ihre Gäste waren allesamt prominente Gothaer: der Verleger Johann Georg Justus Perthes, Oberst Maximilian Franz Karl Ritter von Gadolla, der Unternehmer Kommerzienrat Ernst Wilhelm Arnoldi sowie der Gymnasialprofessor Johann Georg August Galletti.

Auch nach dem Tod ihrer Freunde hielt die Herzoginwitwe an der liebgewonnenen Tradition ihrer Geburtstagsessen fest, wobei ihr Diener den Part der verstorbenen Gäste übernehmen musste. Über Queen Victorias deutschen Prinzgemahl Albert von Sachsen-Coburg und Gotha (Lieblingsenkel Herzogin Sophie Karoline Amalies und häufiger Gast im Winterpalais) kam die amüsante Anekdote schließlich in den 1840er-Jahren nach England, wo der Gothaer Ursprung zunehmend in Vergessenheit geriet.

Erst in den 1930er-Jahren entdeckte der britische Theaterautor Morris Laurence Samuelson (besser bekannt unter seinem Künstlernamen Lauri Wylie) in den Erinnerungen des Privatsekretärs von Prinz Albert die unterhaltsame Anekdote vom seltsamen Geburtstagsritual Herzogin Sophie Karoline Amalies, wie sie Albert bei seinem Gotha-Besuch im Jahre 1845 von ihrem Diener erfahren und weitererzählt hatte.

Wylie arbeitete die Grundidee eines Geburtstagsessens mit vier längst Verstorbenen zu einem Sketch um, den er mit Rücksicht auf das britische Königshaus (das infolge des Ersten Weltkriegs 1917 seinen Namen von Sachsen-Coburg und Gotha in Windsor geändert hatte und mit der deutschen Verwandschaft nichts mehr zu tun haben wollte) auf einem englischen Landsitz ansiedelte.

Aus der seinerzeit beileibe noch nicht so alten Gothaer Herzogin Sophie wurde bei ihm die 90-jährige Miss Sophie und aus ihrem Diener Schluder der Butler James. Herr Perthes wurde zu Sir Toby, Ritter von Gadolla zu Admiral von Schneider, Kommerzienrat Arnoldi zu Mister Pommeroy und Professor Galletti zu Mister Winterbottom. Auch die im Winterpalais aufgetischten typisch thüringischen Gerichte und Getränke passte Wylie für seinen Sketch englischen Gepflogenheiten an.

Nicht zuletzt machte der findige Theaterautor aus dem ritualisierten, vor jeder Trinkrunde wiederkehrenden Frage-Antwort-Spiel zwischen Diener und Herzogin („Alles genausu wie voors Jahr, Herzoochin Sophie?“ – „Alles genauso wie jedes Jahr, Schluder!“) die heute beinahe schon sprichwörtlichen Sätze „The same procedure as last year, Miss Sophie?“ – „The same procedure as every year, James!“

Der Rest ist Geschichte …

2009 konnte dank der handschriftlichen Aufzeichnungen des Dieners der Herzogin die (beinahe) wahre Entstehungsgeschichte des „Dinners“ recherchiert werden. Passend zu Silvester feierte die originale, echt goth’sche Fassung des Sketchklassikers ihre ausverkaufte und umjubelte Bühnenpremiere in der Residenzstadt. Seither wird „Dar neunzschsde Gebordsdaach oder Dinner auf Goth’sch“ alljährlich zu Silvester im Gothaer Kulturhaus aufgeführt.

Im ersten Teil des Goth’schen Dinner-Abends erzählt der Autor Andreas M. Cramer in einer abwechslungsreichen szenischen Lesung die (beinahe) wahre Entstehungsgeschichte des wohl berühmtesten Geburtstagsessens der Welt, im zweiten Teil gibt es schließlich das Theaterstück mit einer überaus würdevollen Herzogin Sophie (Anja Gottschall) und einem mitreißend-komischen Diener Schluder (Ralph-Uwe Heinz).

Die komplette Geschichte des „Dinners“ ist nachzulesen in dem amüsanten Kurzroman „Dinner for One auf Goth’sch“.