Goth’sches Dinner begeisterte erstmals im ausverkauften Kulturhaus

Silvester 2010 servierten Anja Gottschall als Herzogin Sophie von Sachsen-Gotha-Altenburg und Ralph-Uwe Heinz als ihr Diener Schluder im Kulturhaus ein im doppelten Wortsinne mitreißendes „Dinner for One“. (Foto: Anton Lysakowski)

Silvester 2010 servierten Anja Gottschall als Herzogin Sophie von Sachsen-Gotha-Altenburg und Ralph-Uwe Heinz als ihr Diener Schluder im Kulturhaus ein im doppelten Wortsinne mitreißendes „Dinner for One“. (Foto: Anton Lysakowski)

 

„Dinner for One“ ist Kult. Und das nicht nur im Fernsehen, sondern auch live in Gotha – und zwar als goth’sche Mundartfassung, die traditionell am 30. Dezember „serviert“ wird. In diesem Jahr gab es im seit Wochen ausverkauften Gothaer Kulturhaus erstmals eine zweistündige Veranstaltung rund um den berühmtesten Silvestersketch der Welt, der – man höre und staune – seine Ursprünge in der Residenzstadt haben soll.

Die ebenso spannende wie unglaubliche „wahre Geschichte“ des „Dinner for One“ erzählte der Gothaer Autor Andreas M. Cramer im ersten Teil des Abends, durch den er stilvoll als eleganter Conférencier führte. In der Bühnenpremiere seiner knapp einstündigen szenischen Lesung brachte er den Zuhörern auf unterhaltsame und amüsante Weise die echt goth’schen Ursprünge des Silvesterklassikers nahe. Wer hätte gedacht, dass Herzogin Sophie Karoline Amalie von Sachsen-Gotha-Altenburg vor rund 170 Jahren erstmals im Winterpalais ein Geburtstagsessen mit ihren vier verstorbenen Freunden feierte, wobei diese durch den Diener Schluder vertreten wurden? Und wer wusste bislang, dass jene Anekdote erst durch Prinz Albert, Lieblingsenkel der Herzogin und Gatte Queen Victorias, nach England kam?

Mit seiner augenzwinkernden, aber durchaus glaubwürdigen Geschichte wusste Cramer die Zuhörer von Beginn an in den Bann zu ziehen. Für jede Menge Lacher war gesorgt, wenn in breitestem Goth’sch aus dem Tagebuch des Dieners Schluder zitiert wurde. Mit Witz und Respektlosigkeit wurden dabei die kleinen Schwächen der vier Geburtstagsgäste (mit Unternehmer Arnoldi, Verleger Perthes, Professor Galletti und Ritter von Gadolla natürlich ur-goth’sche Prominenz) offenbart. Mittels vorab eingesprochener Texte kamen aus dem Off sowohl Schluder als auch Herzogin Sophie und ihr Enkel Prinz Albert zu Wort, wobei kurze Musikeinspielungen die abwechslungsreiche Lesung stimmungsvoll ergänzten.

Derart auf das eigentliche „Dinner“ eingestimmt, bekamen die Zuschauer nach der Pause das lang erwartete „goth’sche Original“ des Sketches zu sehen. Bei dessen Umsetzung auf der großen Bühne des Kulturhauses bewies Regisseur Kai Kretzschmar ein glückliches Händchen, denn Ralph-Uwe Heinz begeisterte uneingeschränkt als zunehmend betrunkener Diener Schluder. Mit seiner körperbetonten Darstellung und viel mimischem Einsatz lieferte er eine beeindruckende Interpretation der Rolle, die ihm wie auf den Leib geschneidert schien. Trinkend, stolpernd und goth’sche Sprüche klopfend vertrat er überzeugend die vier imaginären Geburtstagsgäste, deren Eigenheiten er ebenso eindringlich wie amüsant herauszuarbeiten wusste.

Heinz’ Zusammenspiel mit Anja Gottschall, welche mit ebensoviel Spielfreude wie Würde Herzogin Sophie darstellte, funktionierte reibungslos und riss die Zuschauer mehrfach zu Zwischenapplaus hin. Vor allem die zahlreichen Anspielungen auf Gothaer Eigenheiten und Spezialitäten (z.B. „forzdroggner Godano, grad heud morchn uss dar Stielerstraßn gehold“, „Godaer Kranz von Bonsaggn“ oder „Forelle von Wendler“) genoss das Publikum sichtlich. Auch die mit jeder Runde aberwitziger werdenden Trinksprüche vor allem Professor Gallettis (z.B. „Ar sehd genausu uss wie de enne Hälfdn vom Godaer Liewesbaar … ech wiss nur nonnech, welje!“) riefen zahlreiche Lacher hervor.

Besondere Beachtung an diesem Abend verdiente auch das Bühnenbild, das die Macher des Stückes mit viel Liebe und einem Gespür für sehenswerte Details zusammengestellt hatten. Mit passenden historischen Porträts in großen Goldrahmen, einem Marmorkamin mit Porzellannippes, edlem dunklen Mobiliar, englischem Porzellan und natürlich dem unentbehrlichen Eisbärenfell (schelmischerweise „Knut“ genannt) atmete die Szenerie tatsächlich das Flair eines guten Salons im Winterpalais. Ein übriges taten die stilvoll gewählten Kostüme der drei Darsteller, die ebenfalls Nostalgie pur verströmten: Ralph-Uwe Heinz und Andreas M. Cramer traten – ganz alte Schule – im Frack mit Weste und Fliege auf, während Anja Gottschall mit schwarzem Rüschenrock, plissiertem Jabot und edlem schwarzem Umlegetuch eine auch optisch sehr überzeugende Herzoginwitwe gab.

Auf Tuchfühlung mit Darstellern und Regisseur konnten die Zuschauer im Anschluss an die zweistündige Veranstaltung im Foyer gehen. Dort schrieben „Herzogin Sophie“ und „Diener Schluder“ unzählige Autogramme auf die eigens für den Abend angefertigten Fotopostkarten, nahmen Autor und Regisseur zahlreiche Glückwünsche für den gelungenen Abend entgegen und stießen mit einem Glas Sekt auf die erfolgreiche Kulturhaus-Premiere an.

Apropos Sekt: Den Getränkeverkauf an diesem Abend hatte der Veranstalter, die KreativWerkstatt Cramer & Kretzschmar, ganz bewusst in die Hände des Vereins „Orangerie-Freunde“ gegeben. Andreas M. Cramer und Kai Kretzschmar unterstützen den Verein bereits seit 2007 sehr engagiert und wollten auch am „Dinner“-Abend dessen Spendenaktion für das „Lorbeerhaus“ voranbringen. Unter dem Strich konnten die „Orangerie-Freunde“ durch den Verkauf von Sekt und Orangensaft beachtliche 1.500 Euro erlösen.

Alles in allem: Heiterer als mit dem echt goth’schen „Dinner“ kann man als echter „Labbmhööcher“ wohl kaum in das neue Jahr gehen. Und so bleibt nur zu wünschen, dass sich der Silvestervorabend als fester „Dinner for one“-Termin im Kulturkalender der Residenzstadt etabliert und auch 2011 Herzogin Sophie von ihrem Diener Schluder verlangt, dass trotz aller Widrigkeiten bei Tisch „alles genauso wie jedes Jahr“ zu sein habe. Denn das goth’sche „Dinner“ hat ohne Zweifel das Potenzial, wie sein englisches Pendant Kult zu werden.

 

(veröffentlicht im Januar 2011)